Editorial (Fortsetzung)
Chipkarten
…gibt es mittlerweile wie Sand am Meer und fast jeder führt mehrere EC- und Kreditkarten im Portemonnaie. Nun sollen nach Plänen aus dem Haus der Bundesministerin für Arbeit noch Chipkarten für die Kinder von Hartz IV-Empfängern hinzukommen, auf denen ein zweckgebundenes Guthaben zur Nutzung von Sport- und Kultureinrichtungen eingerichtet wird.
Damit soll soll verhindert werden, dass die den Kindern zugedachten Geldbeträge womöglich für den „Schnaps und die Zigarretten“ (H. Buschkowsky) ihrer prinzipiell als randständig und folglich auch suchtgefährdeten Eltern verschleudert werden, anstatt für die „Teilhabe der Kinder am sozialen Leben“, also dem Theaterbesuch und der Mitgliedschaft im Sportverein ausgegeben zu werden.
Die Idee ist auf den ersten Blick bestechend, kann doch hierdurch eklatanter Missbrauch verhindert werden und endlich einmal etwas für diejenigen getan werden, die unter den Folgen des gesellschaftlichen Scheiterns ihrer Eltern am meisten zu leiden haben, den Kindern. Beim genaueren Nachdenken ist der Plan jedoch nur Ausdruck der Entgesellschaftung öffentlicher Güter, den diese Regierung und auch ihrer Vorgängerinnen konsequent vorantreiben. Die Einrichtung zweckgebundener Guthabenkonten korrespondiert mit der Austrocknung öffentlicher Sport- und Kultureinrichtungen durch die Kürzung der Mittel.
Entweder kapitulieren die Träger dieser Einrichtungen oder sie erhöhen ihre Eintrittspreise und Mitgliedsgebühren, um am Leben zu bleiben. Der damit einhergehende Merkantilismus – das Angebot muss schon stimmen, damit die Kunden zahlen – verhindert nicht nur die Entstehung neuer, bisweilen nicht so leicht verdaulicher Kunstwerke und Aufführungen, er hält auch diejenigen vom Museums-, Theater oder Sporthallenbesuch ab, die ein Argument für ihre Bequemlichkeit benötigen, den eigenen Kindern einen Zugang zur Welt über das Angebot der Fernsehsender hinaus zu bereiten.
So kostet beispielsweise der Eintritt in den Zoologischen Garten für eine Familie mittlerweile 45 Euro, die Biennale schlägt mit 25 Euro zu Buche, der Turnverein verlangt 240 Euro pro Kind und Jahr und so weiter. Apropos: Was passiert mit dem Hartz IV-Kind, wenn die geplanten 200 Euro auf der Guthabenkarte aufgebraucht sind? Soll es zum Ende Oktober aus dem Verein austreten?
Nein, so geht das nicht. Der Zoo liegt in der Mitte der Stadt, die allen gehören muss und darum muss dort jeder hineingehen können, egal ob er arm oder reich ist. In den Regalen der Bibliotheken sollen nicht nur meterlang DVDs und Harry Potter stehen. Es gehören dort Bücher hinein, die man nicht nur im Eingangsbereich von Rolltreppenbuchhandlungen findet und Menschen davor, die den Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu Büchern ermöglichen. Und es müssen die Theater und Jugendkultureinrichtungen bestehen bleiben, an denen die Kinder über das Spiel zu ihrer eigenen Bildung gelangen. Das kostet Geld. Das Geld ist da und sollte nicht auf Chipkarten gespeichert werden, sondern den Bibliotheken zum Ankauf von Büchern, den Jugendkultureinrichtungen für ihren Betrieb und den Pädagoginnen und Pädagogen für ihre Arbeit gegeben werden.
mit herzlichen Grüßen
für die Redaktion
Christian Gedschold

