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11. Welt-Kindertheater-Fest 2010

August 4, 2010

„Wenn Kinder nicht spielen, werden sie krank“

burkina-faso.jpgInterview zum Symposion „Theater als Überlebenskunst“ beim 11. Welt-Kindertheater-Fest 2010. Janine Dahlweid sprach mit Prof. Dr. Bernd Ruping, Leiter des Kongresses und Studiendekan des Instituts für Theaterpädagogik an der Fachhochschule Osnabrück, Standort Lingen.
Begleitend zum 11. Welt-Kindertheater-Fest 2010 vom 18.-25. Juni in Lingen (Ems) fand ein Symposion mit dem Titel „Theater als Überlebenskunst“ statt. Bei dem Kongress als Teil des Symposions diskutierten Fachleute und Spielleiter aus aller Welt über theaterpädagogische Fragestellungen.

I: Was war das Thema des Kongresses?

B.R.: „Theater als Überlebenskunst“ – der Hintergrund ist eine Fragestellung, der wir uns hier am Institut für Theaterpädagogik [der Fachhochschule Osnabrück, Standort Lingen] auch stellen wollen: diese euphorische Art und Weise über Theater zu reden als ein Medium, das heilende Kraft hat, das Menschen befreit, das therapeutische Wirkungen hat usw. – stimmt das eigentlich, was wir da behaupten? Und woran zeigt sich, dass es stimmt? Muss man was Zusätzliches können, neben den Kompetenzen als Theaterpädagoge oder Regisseur? Darum ging es in dem Kongress.

I: Überleben und Kunst – passt das zusammen?

B.R.: Man rutscht, wenn man Theater als Kunst und Überleben zusammenzwingt, in einen widersprüchlichen Bereich hinein, insofern der Begriff „Überleben“ sich auf die existenziellen Bedürfnisse bezieht und auf einen dramatischen Mangel an Möglichkeit hindeutet, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Kunst auf der anderen Seite lebt von ihrer Autonomie, von der Distanz zu diesen Bedürfnissen, die sie braucht, um das Leben, den Alltag zu bespiegeln. Wenn man also sagt, „Theater als Überlebenskunst“, dann macht man einen höchst paradoxen Kontext auf, der aber spannend ist: die Nöte und Notwendigkeiten des Lebens treffen auf Qualitäten wie Spielraum und Gestaltung,  Atemholen und Loslassen, die aber nicht mehr selbstverständlich – gleichsam als Kulturbestandteil – vorausgesetzt werden können. Vor dem Hintergrund der Krisen und Katastrophen dieser Welt stellt sich also unversehens und nachdrücklich die Frage: Welchen Zweck hat Theaterspielen? Und dass es einen Zweck haben könnte, wird zur Hoffnung!

I: Was bringt es Kindern, ihre Probleme theatral umzusetzen?

B.R.: Ergebnis des Kongresses ist in meiner Wahrnehmung folgendes: Es ist nicht notwendig, dass Kinder thematisch an den Problemen und Krisenthemen entlangdoktern, unter der Vormundschaft eines gutwilligen Pädagogen, der von einer besseren Welt träumt. Die Bedingung der Möglichkeit, dass sich die heilende Kraft des Theaters entfalten kann, scheint vielmehr darin zu liegen, dass überhaupt der Modus des Spielens erreicht wird. Es gibt in den verschiedenen, vorgetragenen Beispielen Hinweise darauf, dass Spielen wie Essen und Trinken zu den existenziellen Bedürfnissen der Menschen – übrigens nicht nur der Kinder – gehört. Kinder sind oder werden krank, wenn sie nicht spielen  Sind sie traumatisiert durch Naturkatastrophen, durch Kriege, durch Gewalt in Familien, dann ist nicht das Ziel, dass die jetzt nochmal tüchtig über die Katastrophe sprechen. Es ist wichtig, dass sie überhaupt wieder ins Spiel gehen, sei es mit Farben, sei es mit Materialien, mit Musik oder eben mit Theater.

I: Wie entfaltet Theaterspielen seine therapeutische Wirkung?

B.R.: Theaterspielen, das heißt in Rollen zu gehen und über Rollen Wirklichkeit anzueignen, hat etwas grundlegend Dichotomes: Sobald ich Theater spiele, bin ich nicht mehr nur ich, ich bin auch jemand anderes. Ich bin nicht ich, aber auch nicht nicht-ich. In der Rolle kann ich Dinge tun, die ich als Mensch im richtigen Leben mir nicht erlauben dürfte, die tabuisiert sind oder die ich verdrängt habe. Ich gehe die Risiken einer anderen Haltung oder Verhaltensweise ein, ich führe mir fremde Handlungen durch, ich erweitere meinen Blickwinkel, ohne dafür „in Wirklichkeit“ bezahlen zu müssen. Ich entdecke in dem, was ich oder die anderen für gewöhnlich tun, die ausgelassene Möglichkeit. Ich erprobe das „Was wäre, wenn…“  Von diesem besonderen Moment des theatralen Spielens dürfen wir in der Tat eine heilende Wirkung erwarten.

I: Menschen in Industrienationen haben weniger mit existienziellen Nöten zu tun als Menschen in Entwicklungsländern. Brauchen wir Theater als therapeutisches Mittel hier überhaupt noch?

B.R.: Nicht nur in traumatisierten Kontexten ist das Theaterspielen wichtig, denn mittlerweile sind wir alle samt und sonders funktional eingebunden und in Konkurrenzen gegeneinander abgedichtet. Das geht in der Schule los, dann die Bachelor- und  Masterprogramme…Überall wird verglichen, gemessen, selektiert. Zu diesen Verzweckungen ist die Distanz, die Theater voraussetzt, natürlich heilsam. Jedem tut das gut, sich mal anzuschauen, herauszutreten aus den Abläufen des Alltags, sich also – im wörtlichen Sinne – eine Vorstellung von dem zu machen, was man da tut und was so an einem angerichtet wird. Dies ist vielleicht der eigentliche Zweck jedes ästhetischen oder theatralen Raumes.

I: Beim 11. Welt-Kindertheater-Fest haben wir einerseits Aufführungen gesehen, die ästhetisch auf einem sehr hohen Niveau waren und auf der anderen Seite Aufführungen, in denen das Unperfekte der Kinder mehr zum Vorschein gekommen ist. Was gefällt Ihnen besser?

B.R.: Das ist schwer zu sagen. Man kann die unterschiedlichen Kulturen nicht an einem gemeinsamen Maßstab messen. Die Idee des Festivals und des Kongresses ist, dass sich da etwas auf der Bühne zeigt und wir nicht besserwisserisch beurteilen, ob das in die eigene kulturelle Schublade passt. Zu fragen ist: Was ist die Qualität darin? Kann ich davon etwas lernen? Warum regt mich das auf oder an? Wenn man etwa Japan sieht, hinter den perfekten Tänzen und Choreographien stecken lange Traditionen, das ganze Verständnis von Kindheit und Kindern ist komplett anders. Sie werden in die Kultur hineinerzogen, der Leistungsgedanke ist dabei selbstverständlich. Solche Voraussetzungen hat ein Theaterpädagoge hier am TPZ [Theaterpädagogisches Zentrum der Emsländischen Landschaft e.V.) schlicht nicht. Fragt man ein Kind, das im Young Actors Studio in Moskau Theater spielt, nach seinem Theaterverständnis – schon diese Frage ist in Deutschland beinahe unstellbar  ̶ , dann kann es die Stanislawsky-Methode erklären. Das gelingt in unserer Freizeit-Kultur nicht. Die (priveligierten) Kinder rennen in der Regel vom Tanzkurs zum Musikunterricht oder vom Reiten zum Theaterspielen. Da kommt und geht es sich leicht.
Auf der anderen Seite habe ich nichts dagegen, dass Kinder nicht perfekt sind. Vielleicht macht ja gerade das einen großen Teil des Charmes auf, den Kinder auf der Bühne erreichen können: keine Hochglanz-Schablone von irgendwas abzuliefern, sondern tastend, experimentierend, sich während des Spielprozesses selbst korrigierend in Form zu kommen. Will man aber Kinder beim Spiel einer Öffentlichkeit zeigen, dann ist es die Pflicht des Erwachsenen, darauf zu achten,  dass die Inszenierung nicht zu schwer und nicht zu leicht für Kinder ist, dass sie also in den gefundenen Formen tatsächlich auch spielfähig, offen, experimentell bleibt. Da gibt es kulturelle Unterschiede und Voraussetzungen, die kaum vergleichbar sind. Die Vielfalt, die man beim Welt-Kindertheater-Fest auf den Bühnen beobachten konnte, finde ich richtig.

I: Das Welt-Kindertheater-Fest wird seit 1990 alle vier Jahre in Lingen und alle zwei Jahre dazwischen in anderen Teilen der Welt durchgeführt. Haben sich die Aufführungen verändert?

B.R.: Was ich seit mehreren Jahren entdecken kann, ist, dass sich die Theaterkultur mehr und mehr verlagert in Richtung Show Cases, auf jeden Fall bei den Bühnen, die mit hohem Aufwand Theater mit Kindern betreiben, bei denen z.B der gesamte professionelle Theaterapparat den Kindern zur Verfügung gestellt wird (was, nebenbei gesagt, in sich schon eine in Deutschland undenkbare Wertschätzung der Kinder darstellt  ̶  bei aller Kritik der hervorgebrachten Spielformen). Was wir etwa in Havanna oder Moskau erleben konnten, war: Die lassen immer mehr den dramaturgischen Faden weg. Man kriegt weniger Geschichten, an denen sich die Kinder abarbeiten und die sie dann in Form bringen. Stattdessen immer mehr Choreografien und Gesang, und das hartnäckig auf den Punkt trainiert. Ich finde, da verlieren wir etwas, denn dafür gibt es die Profis der leichten Unterhaltungsindustrie, die das gerne machen können – gegen Geld. Der Charme des Kindertheaters liegt ganz woanders. Der hat was damit zu tun, dass Kinder sich mit ihren Mitteln und mit Hilfe eines engagierten „Fascilitators“ die Welt aneignen.

I: Die Aufführung von Burkina Faso: In dem Bewegungstheater ging es um Aids, um die Gefahr der Ansteckung, die Stigmatisierung der Infizierten bis hin zum Sterben der Kranken. Die Kinder waren zwischen 5 bis 7 Jahre alt. Verstehen die Kinder, was sie dort darstellen?

B.R.: Die Aufführung war zugleich von hoher Kunst und von hoher Einfachheit. Das fand ich großartig: Die überwiegend hell-beige-farbenen Kleider und das eine Kind mit dem roten Kleid, das plötzlich wie ein lebendiges HIV-Virus wirkte. Das hat mich umgehauen. Die ästhetischen Mittel wurden großartig eingesetzt. Kinder, die miteinander spielen wollten, es aber nicht durften oder konnten, die kurz vor der fürs Spiel notwendigen Berührung zurückwichen usw. Ich bin sicher, dass das auch die Erfahrung ist, die die Kinder in ihrem Land machen. Auch in den Aufklärungskampagnen werden sie Maßstäbe mitbekommen, in denen sich das ausdrückt. Die Kinder haben das großartig umgesetzt – sie wussten genau, was sie da taten. Mir stockt beinahe immer der Atem, wenn ich so in die afrikanische Realität gucken darf. Am Ende des Stückes der direkte Aufruf auf den Plakaten: „Gebt uns Geld, wir brauchen Medizin.“ – dieses Brechen durch die Vierte Wand ist typisch ist für afrikanisches Theater. Als Zuschauer bist du unversehens Teil des Aids-Stückes, wirst direkt integriert, angesprochen, reingeholt. Ob du willst oder nicht: Da vorn auf dem Plakat, da steht dein Name! Das war irgendwo zwischen Agit-Prop mit der direkten Aufforderung zum Handeln einerseits und der Polyvalenz der Farben und Formen, der Rhythmen und Tänze. Mittendrin die spielenden, zeigenden Kinder. Ich habe viele Leute sehr betroffen aus dieser Aufführung kommen sehen.

I: Welche Bedeutung hat Theater von Kindern für Erwachsene?

B.R.: Für Erwachsene kann es beschämend sein, wenn Kinder die Welt der Erwachsenen theatral abbilden. Man kennt das ja: Im einfachen Mutter-Kind-Spiel werden die pädagogischen Maßnahmen der Erwachsenen im Spiel gnadenlos wiederholt. Unser Verhalten in seiner beschämenden Begrenztheit oder auch Not, wird reflektiert und reflektierbar. Erwachsene haben die Macht. Sie sind diejenigen, die sprechen, die die Welt erklären. Im Französischen heißt Kind enfant – der, der nicht spricht. Wenn Kinder spielen, hört diese Vormachtstellung auf. Die Worte werden allenfalls zum Zitat: So kommt man sich auf die Schliche – all die Erpressungen, Zumutungen als Spiel – dankeschön!

I: Wie können Erwachsene Kinder zum Theaterspielen anleiten?

B.R.: Es ist nicht richtig, wenn man als Spielleiter oder Regisseur schon vorher weiß, wie das Spiel ausgeht. Ich kann den Kindern nur Impulse geben, die ich mir aus den Traditionen und Techniken des Theaters geholt habe, um das Spielen anregen zu können. Dabei geht es, so der Philosoph Walter Benjamin, in erster Linie darum, „die Fantasie der Kinder zur Exekutive an den Stoffen zu bringen“, das heißt aus dem losen Reich bloßer Imagination zu lösen und zu binden an das, was Welt und Wirklichkeit der Kinder ist. In dieser Auseinandersetzung bildet sich das, was man mit aller Vorsicht vielleicht ihren authentischen Ausdruck nennen könnte. Auf jeden Fall aber ist diese Auseinandersetzung die Bedingung der Möglichkeit, dass Kinder ihren Standpunkt zur Realität einnehmen können, die ja eine der Erwachsenen ist.
Das Besondere an Kindern ist auch, dass sie noch nicht fix und fertig sozialisiert sind. Das macht sie so vital, das sprengt so manche Toleranzgrenze der Alten, das macht sie immer wieder so unsäglich – und vom Theater aus gesehen: so wunderbar – asozial. Diesem Ungeformten einen Raum zu geben,  so dass es sich positionieren, Gestalt finden, von sich reden und sehen machen kann, das ist die Kunst des Theaterpädagogen und Spielleiters.
Wenn sie gelingt, dann ist Theater heilsam – für alle Beteiligten!

Herr Professor Dr. Ruping, vielen Dank für das Gespräch.

Foto: Blende 86

Topics: Festivals, Internationale Begegnungen, Theaterpädagogik |

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