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11. Welt-Kindertheater-Fest 2010

August 4, 2010

Raum für Träume

park-of-dreams.jpgNachberichterstattung vom 11. Welt-Kindertheater-Fest 2010 vom 18.-25.Juni 2010 in Lingen (Ems)
von Janine Dahlweid

Kinder und Jugendliche thematisierten individuelle und soziale Probleme
Ein Kind steht abseits, in einem roten Kleid. Die Kinder mit den weißen Kleidern meiden es. Zaghaft nähert sich das Kind der Gruppe an, mit harmlosen Kinderspielen. Die Kinder nehmen es in ihre Gemeinschaft auf. Dann verteilt es rote Stirnbänder… Auch die Kinder mit den weißen Kleidern sind nun mit dem HI-Virus infiziert. Mit tief ernsten Gesichtern machten die höchstens zehn Jahre alten Mädchen aus Burkina Faso in ihrer Aufführung auf große Probleme ihres Landes aufmerksam: die soziale Isolation der HIV-Infizierten, ihre Stigmatisierung und die Gefahr der Ansteckung. In einer mitreißenden ästhetischen Symbolik stellten sie auch das Sterben der Aids-Kranken dar. Das Stück der Theatergruppe „La Corde Contaminante“ ist eine der 18 Inszenierungen, die anlässlich des 11. Welt-Kindertheater-Festes 2010 vom 18. bis 25. Juni in Lingen (Ems) gezeigt wurden. Veranstaltet wurde das Festival, das 1990 in Lingen (Ems) entstanden ist und seither alle vier Jahre hier stattfindet, von der Stadt Lingen (Ems), dem Theaterpädagogischen Zentrum der Emsländischen Landschaft e.V. und dem Europäischen Zentrum der AITA/IATA. In Anlehnung an das Motto „Make your Dream!“ stellten Kinder aus 18 Nationen und fünf Kontinenten diesmal ihre Träume, Hoffnungen und Visionen für die Zukunft vor und verwiesen zugleich auf individuelle und gesellschaftliche Probleme. Die Kinder aus Burkina Faso berührten das Publikum mit ihrem fast wortlosen Bewegungstheater besonders, weil sie das Thema so authentisch – ohne ein Lächeln auf die Lippen zu bringen – in Szene setzten. Und als am Ende jede der jungen Akteurinnen jeweils einen Vornamen rief mit dem Zusatz „malade“ („krank“), spätestens hier machten sie glaubhaft, dass das Problem der HIV-Infektion Teil ihrer alltäglichen Realität ist, in der ihre kindliche Unbefangenheit offenbar längst verloren gegangen ist.

Viele Kulturen – facettenreiches Theaterprogramm
Nicht alle Aufführungen, die beim 11. Welt-Kindertheater-Fest 2010 vorgestellt wurden, waren so ernst wie das Stück der Theatergruppe aus Burkina Faso. Die Kinder und Jugendlichen „umspielten“ das Motto „Make your Dream!“ je nach kulturellem und sozialem Hintergrund auf jeweils eigene Weise. Auf hohem ästhetischen Niveau präsentierte die armenische Theatergruppe mit dem Stück „Ophelias Schattentheater“ nach Michael Ende eine wunderbar poetische Inszenierung. Einen leichten Raum der Fantasie eröffnete diese stilisierende Theaterform mit dem altmodisch-romantischen Kleinstadt-Ambiente und den humoristischen Einlagen. Mit kraftvollem Tanztheater dagegen beeindruckte die Gruppe aus Venezuela. Die energetisch geladenen Körper und die präzisen Bewegungen setzte sie als Mittel ein, um Nöte und Ängste nonverbal auszudrücken. Tief in die nordische Mythologie führte die norwegische Gruppe. Ein seltsam weiß- und goldfelliges Wesen erheiterte das Publikum, indem es mit ulkigen Schlängelbewegungen und begleitenden Glucks- und Pubslauten Golddukaten aus sich herausbeförderte.
Vielfältige Theaterformen und -genres nutzten die Teilnehmer des 11. Welt-Kindertheater-Festes 2010, um auf Probleme aufmerksam zu machen und sie thematisierten auf emotional berührende, lustige oder fantasieanregende Art ihre Träume und Wünsche. Für Tom Kraus, dem künstlerischen Leiter des Festivals, ist es gerade die Vielfalt, die das internationale Kindertheater-Treffen so interessant macht: „Mir gefällt die Variation in der Formsprache, das Aufeinanderprallen von Vielfalt. Vom kammerspielartigen 2-Personen-Stück der belgischen Theatergruppe bis zum großen Tanzemsemble aus Japan hatten wir alles dabei. In dem Kontrast, in dem ‚Dazwischen’, da lerne ich etwas.“ Das machten sich auch die zahlreichen Theaterbesucher zunutze: 9500 Menschen sahen sich in der Festivalwoche die Aufführungen an.

Das Kind in sich entdecken
Dass Theateraufführungen von Kindern nicht allein an ästhetischen Ansprüchen gemessen werden können, ist für Tom Kraus gerade das Besondere des Welt-Kindertheater-Festes. „Wir wollten den Kindern die Möglichkeit geben, ihre Spielfreude auf der Bühne auszuleben und die Erwachsenen dazu anregen, das Kind, das sich in jedem von uns versteckt, wiederzuentdecken. Die Unmittelbarkeit und Unreflektiertheit der Kinder ist vielen Erwachsenen verloren gegangen, weil sie sich an die Gesellschaft angepasst haben. Bei Erwachsenen ist ‚Impulsivität’ ein Schimpfwort, bei Kindern ist es die Lebendigkeit, die sie ausmacht.“

Der Festivalpark als Ort der Begegnung
Das Kind in sich entdecken, spielen, basteln, träumen – das war auch im „Park of Dreams“, auf dem Festivalgelände rund um das Theater an der Wilhelmshöhe möglich. Neben den vielfältigen Spiel- und Sportmöglichkeiten hatten Teilnehmer und Besucher in dem idyllisch unter hohen alten Bäumen gelegenen Park Gelegenheit, sich kreativ auszudrücken. Der Festivalpark wurde von den Besuchern mitgestaltet und veränderte sich fortlaufend. Schon im Vorfeld entstanden hunderte Traumfänger in Lingener Schulen, die den Park schmückten. Während des Festivals fertigten die Besucher mit Sand, Muscheln, Knete und Pailletten Träume im Glas an, schrieben ihre Träume an den Wunschtraumbaum oder sprachen im „Dreamomat“ ihre Träume auf Video, die direkt ins Internet gestellt wurden. Auf diese Weise konnte man nicht nur über die lustigen und banalen Wünsche wie „ein großes Auto“, „Reichtum und Glück“ oder „einen schönen Urlaub“ schmunzeln, sondern sich auch emotional berühren lassen zum Beispiel von dem Wunsch, dass sich die Eltern nicht scheiden lassen sollen. Und man konnte staunen über die Weisheit eines Kindes, das in einem Buch im „Zelt der Stille“ schrieb: „Die Familie ist die stärkste Kraft der Welt“ und in kindlich unperfekter Manier vier dicht aneinander gedrängte Personen darunter zeichnete. Der „Park of Dreams“ wurde zu einem Ort menschlicher Begegnung.
Damit ist das Konzept, ein „Festival der kurzen Wege“ zu schaffen, bei dem die beiden Spielstätten in den „poetischen Vergnügungspark“ eingebettet werden, aus Kraus’ Sicht voll aufgegegangen. Die Zahl von schätzungsweise 33.000 Besuchern, die das kostenlose Angebot nutzten, spricht für sich. „Im Herzen der Stadt ist eine Oase mitten im Alltag entstanden“, so Kraus. „Es ist offensichtlich gelungen, über die Aufführungen hinaus, einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen über das Spielerische begegnen können. Eine echte Festivalatmosphäre herrschte hier.“

Buntes Programm auf der „Stage of Dreams“
Dazu trug das Programm mit etwa 40 Veranstaltungen auf der großen Open-Air-Bühne „Stage of Dreams“ inmitten des Festivalparkes bei. Das abwechslungsreiche Programm von internationalen Künstlern bezauberte das Publikum mit Konzerten, Zirkus-Show und Tanzdarbietungen. Neben Showacts wie „Magic Microphone“ aus dem russischen Krasnojarsk oder dem niedersächsischen Jugendzirkus „Circ‘a Holix“ nutzte das internationale Publikum auch immer wieder die Möglichkeit, bei der Open Stage oder dem Karaoke-Abend selbst auf der Bühne zu stehen. Höhepunkt war der letzte Tag des 11. Welt-Kindertheater-Festes 2010, zu dem über 3000 Menschen kamen. Zu der Musik der Berliner Band „17 Hippies“, einer Mischung aus Balkan-Rhythmen und französischen Chansons tanzte das multikulturelle Publikum enthusiastisch vor der Bühne in einer Wolke aus Staub, den es dabei aufwirbelte. Gefühlvoll endete der Abend und das 11. Welt-Kindertheater-Fest 2010 mit der Sängerin Melania, die mit ihrer kraftvollen Soulstimme die Höhen und Tiefen des Lebens besang.

Bilanz ziehend freut sich Tom Kraus über die positive Resonanz des 11. Welt-Kindertheater-Festes, doch er betont, wie wichtig die Teilnehmer und Besucher für die Festival sind: „Als Veranstalter schaffen wir nur den Rahmen“, so Kraus. „Das eigentliche Festival, das sind die Menschen, die Kinder und die Erwachsenen der unterschiedlichen Kulturen.“

Kein Traum bleibt deshalb hoffentlich, dass auch 2014 wieder internationale Kindertheatergruppen nach Lingen (Ems) kommen, um gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen. Doch vorher setzt das Festival, das bereits in anderen Teilen der Welt wie Antalya (Türkei), Kopenhagen (Dänemark), Toyama (Japan), Havanna (Kuba) und Moskau (Russland) duchgeführt wurde, seine Reise durch die Kontinente fort: 2012 wird Sydney (Australien) das 12. Welt-Kindertheater-Fest austragen.

Weitere Informationen, Fotos und Videos zum 11. Welt-Kindertheater-Fest 2010 unter www.weltkindertheaterfest.de

Foto: Blende 86

Topics: Festivals, Fortbildungen und Workshops, Internationale Begegnungen, Tagungen, Theaterpädagogik |

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