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Herzkasper Berlin: Ein Gespenst geht um

Oktober 17, 2009

Gerd Koch empfiehlt:

Herzkasper Berlin (David Fuhr und Harald Hahn):

„Ein Gespenst geht um  / Warm Up Performance“

Nächste Aufführungen: 20. und 21. November 2009,  20 Uhr, im K & K VolkArt, Böhmische Str. 46, Neukölln

“HERZKASPER Berlin“ ist ein fast neues  songwriting- und playing-Duo aus Berlin: David Fuhr und Harald Hahn verbergen sich dahinter – nein: die beiden treten auf! Mit ihrer – wie sie sagen – „Warm Up Performance Ein Gespenst geht um“:  Zuerst am 15., 16. und 17. 10. 09. Da waren sie – wie sie bescheiden sagen - mit den ersten Entwürfen ihres Bühnenprogramms live im Salon Petra (eine empfehlenswerte Adresse!) in der Hobrechtstraße 47 in Berlin-Neukölln zu erleben. Eine CD ist in Produktion. Und im November sind sie zu sehen, zu hören und zu genießen im  K&K VolkArt, Böhmische Straße 46, 12055 Berlin, Telefon: 030-26 37 88 12,  info@volkart.eu

Hervorgetreten sind David Fuhr und Harald Hahn vor wenigen Jahren mit ihrem Programm zur Erinnerung und Vergegenwärtigung des Dichters Theodor Kramer aus Österreich, den die Nazis des Landes verjagten, der in England im Exil lebte und noch kurz nach Österreich zurückkehrte. Das Programm von Fuhr/Hahn damals hieß „Lob der Verzweiflung“. Sie gastierten damit nicht nur in Berlin, ihrem primären Wirkungsort, sondern waren republikweit unterwegs - etwa auch auf der Burg Waldeck. Zu diesem Buch haben sie ein Buch mit CD gemacht, so dass man das Programm lesen und hören kann. Hier schon deutete sich an, was jetzt sichtbar und hörbar wird: Die beiden sprechen, spielen und vertonen nicht nur Texte anderer Autoren, nein, sie betreiben eine weitere Art kollektiver Kreativität: Sie schreiben selber Texte, vertonen sie, spielen sie – und beide geben sich bei der Entwicklung ihrer Produktionen – bei den musikalischen und Schreib- und inszenatorischen Prozessen - Stichworte, die der jeweils Andere (der hier ein potentiell Gleicher ist) aufgreift, weiterspinnt,  und deren Ergebnisse wieder zur gemeinschaftlichen Prüfung anstehen: unter den beiden Protagonisten und beim Publikum …

Warum das geht und warum die Ergebnisse so überzeugend sind? Beide respektieren sich, beide sind Experten, beide sind verschieden, rauen ihre Themen auf beide haben einen basalen Respekt zu einander und so könnten sie - mit Bertolt Brecht gesagt – als Arbeitsmaxime haben: „Die Widersprüche sind die Hoffnungen“. Zum Glück sind sie nicht identisch miteinander, sondern produzieren und ‚performieren’ eine neue, ästhetische und politische Identität – und sie beziehen das Publikum als mitdenkendes und
-fühlendes Feld mit ein – ohne Anbiederung, mit Herausforderung.

Und ein Weiteres noch: Hier spielen und singen und rezitieren nicht nur Harald Hahn und David Fuhr; nein hier sprechen und singen und spielen der Kiez, die Straße, der Geist der Zeit mit. Ein Panoptikum, eine Gemengelage entsteht – was man durch Titeln ihrer Stücke anzeigen kann: Sie singen über Kreuzberg, Neukölln, über Absacker, Netzwerker, angebrochene Abende, über den Direktkandidaten, über prekäre Lebensverhältnisse, Abschiede und die Sehnsucht nach Leben. Und das bekommt in ihren selbst verfassten und komponierten Texten und Vortrags- und Spiel-Weisen die exzellente Farbe einer eingreifenden, nicht resignativen politischen und ästhetischen Melancholie – und steht damit in der Tradition eines Erich Kästner (dem Walter Benjamin kritisch ‚linke Melancholie’ attestierte), eines Kurt Tucholsky, eines Walter Mehring, der genialen und sachlich wie psychologisch und ästhetisch klaren Mascha Kaléko aus Berlin und auch eines Bertolt Brecht mit seinem kongenialen Komponisten Hanns Eisler. Und die beiden Künstler lassen den Wiener Theodor Kramer in ihren eigenen Vertonungen wieder in diesem Programm zu Worte kommen. Das alles ist eine große Leistung in der sog. Kleinkunst!
Übrigens: David Fuhr ist ein toller Komponist und Interpret. Seine Kompositionen kann man auch  hören im Film „Letzter Aufruf PARADISE“ – ein Film der  „Banda Agita“, dem Jugendclub am GRIPS Theater, der grade in Berlin anläuft (David Fuhr hat übrigens für viele Stücke der „Banda Agita“ die Musik entwickelt). Harald Hahn ist unter anderem einer der aktivsten Berliner community theatre-Leute und ist Fachmann fürs lokale Radio-Machen; er hat mit Jens Clausen das Kiez-Theater/Legislative Theater aus der Taufe gehoben und gibt eine Buchreihe zum Theater der Unterdrückten heraus. Eben erschien „Das Kieztheater:  Forum und Kommunikation für den Stadtteil“
In gewisser Weise ist ein intellektuelles, ästhetisches ‚Kombinat’ praktisch-tätig zugange: Vielfältiges an Themen, Methoden, Absichten, Fachkenntnissen, Personen kommt hier zusammen. Es ist Theaterarbeit in sozialen und ästhetischen Feldern. Es ist eine Theaterpädagogik, die nicht gängelt, sondern befreit – oder wie Hartmut von Hentig sagt: „das Theaterspiel (ist) eines der machtvollsten Bildungsmittel …, die wir haben: ein Mittel, die eigene Person zu überschreiten, ein Mittel der Erkundung von Menschen und Schicksalen und ein Mittel der Gestaltung der so gewonnenen Einsicht.“ Und zugleich weiß von Hentig auch, dass das sog. Alltagsleben Bildungskraft besitzt. Beides respektieren Harald Hahn und David Fuhr: Durch sie spricht und spielt Alltagsleben als Impuls zu uns – und es spricht und spielt das theatral-musikalisch-künstlerische Gestalten der beiden Künstler zu uns.
Hörproben:
myspace.com/herzkasper
Nächste Aufführungen:

20. und 21. November 2009,  20 Uhr, im K & K , Böhmische Str. 46, 12055 Berlin-Neukölln,
Informationen:
http://herzkasper.net
Publikationen:
Harald Hahn/David Fuhr: Lob der Verzweiflung - Lieder und Texte zu Gedichten von Theodor Kramer mit Zeichnungen von Margarete Huber und mit Musik-CD.
Jens Clausen, Harald Hahn und Markus Runge (Hrsg.): Das Kieztheater. Forum und Kommunikation für den Stadtteil.

Topics: Musiktheater, Politisches Theater, Theaterpädagogik |

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