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Eine Nachlese zum Theatertreffen der Jugend
Juni 3, 2008
Christian Gedschold:
Wie es euch gefällt geht nicht mehr
So lautete der Titel einer Sammlung von Texten, die Ernst Wendt kurz vor seinem Tod 1986 veröffentlicht hat und als ich nach der Vorstellung von „hamlet.net“ der Schweriner Gruppe TAGGS beim diesjährigen Theatertreffen der Jugend versuchte, mir über das Gesehene klar zu werden, hatte ich das Gefühl, als sei der Satz ein zweites Mal in der Wirklichkeit angekommen, diesmal im Schülertheater.
Wendt beklagt in vielen seiner ausgewählten Texte, dass ein künstlerisches (Theater-)Spiel um seiner Selbst willen nicht mehr möglich oder gar unzulässig sei, dass wir als professionelle Theatermacher nurmehr Sachwalter kommerzieller oder politischer Ideen und Interessen und unsere Blicke auf die Klassiker nur noch deren Nutzbarmachung unterworfen seien.
Er konnte nicht voraussehen, dass zwanzig Jahre später das Politische oftmals mit dem Kommerziellen identisch sein würde, er hat aber sehr genau gewusst, dass die erwähnten Blicke das Ende der Sinnlichkeit und Humanität auf dem Theater zugunsten einer wie auch immer nutzbar zu machenden Intellektualität (im besten Fall) oder einem albernen Kopistentum des Films und Fernsehens sein würde. Und so kam es. Wer heute als Zuschauer auf sinnliches Erleben im Theater abhebt, geht in die Oper, dort treffen sich, zumal in Berlin, all diejenigen, die vor etwa einer Generation noch am Halleschen Ufer oder danach, für eine kurze Zeit, am Lehniner Platz zu Hause waren und miterlebten, was die begeisternden Schauspieler der Schaubühne zu ihrer großen Zeit an Menschenpersonal auf der Bühne zeigten.
Überlebt hat die Sinnlichkeit des Schauspiels im Jugendtheater, sei es aus Unkenntnis einer politischen oder ideologischen Aufgabe vieler jugendlicher Spieler oder sei es aus reiner Unbekümmertheit. „Bleib frech!“, war die Aufforderung Wendts an einen Nachwuchsmimen am Schiller-Theater und die meisten Schülerinnen und Schüler sind es als Schultheatermacherinnen und -macher bis heute geblieben. Frechheit im Wortsinn als „Frischheit“ aufgefasst und im Spiel auf die Bühne gebracht heißt, sich immer zuerst die Frage zu stellen, was die Figur, das Stück oder die Szene mit mir selbst zu tun haben. Wer bin ich in dieser Welt und wie ist diese Welt zu mir. Und diese Frage nicht mit dem Ziel gestellt, eine propositionale Antwort, sondern ein direktes Gefühl bei sich und für andere zu erzeugen. Meistens, wenn Jugendliche über etwas Talent, ausreichend Leidenschaft und ein paar profunde Mittel des Theaters verfügen und sie nicht den Fehler begehen, hinter dem „richtigen“ Theater herzulaufen, gelingt ihnen das und wir spüren, dass nicht nur wir bewegt sind, sondern auch die Spieler sich bewegen.
Was hat das nun mit dem Schweriner hamlet.net zu tun? Eine geglückte Aufführung, kurz, knackig auf den Punkt gebracht, wunderbar gespielt und gut angekommen, sowohl zu Hause als auch in Berlin, in der „Wabe“.
Es ist eine aufregende Aufführung, weil sie den Vorgang des Zögerns vor der Preisgabe des Frechseins zu Gunsten eines intelligenten Blicks auf das „Material“ sichtbar macht. Die Spieler wirken weitgehend von der Frage geleitet, wie eine Szene zu spielen ist, damit sie allseits richtig verstanden wird, man aber nicht persönlich in Haftung genommen werden kann; wie denn beispielsweise das große Gefühl dargestellt, aber nicht an sich herangelassen werden kann, um nicht in Verdacht zu geraten, womöglich irgendwann als Opfer peinigend-peinlicher Gefühle wahrgenommen zu werden. Den Profis gelingt dieses Spiel seit Jahren, die stolpern nicht mehr, die sind uns längst unverdächtig. Den Schweriner Jugendlichen aber ist zu verdanken, dass wir sie hin und wieder doch in Verdacht haben dürfen, so etwa Tim Goldenbaum, der uns immer wieder seine Begabung zeigt, am stärksten aber dann ist, wenn er vor seiner eigenen Figur, dem Laertes, in die Knie geht. Oder Anna Wille, die sich über das ganze kunstvolle Gedöns hinwegsetzt und als Ophelia einfach nur noch ist. Es sind kurze Momente, in denen sie sich auf ihre Figuren einlassen und ein bisschen vergessen, was Michael Thalheimer aus dem Stück gemacht hat – ja, ja, ein Spinnennetz ist es – und es ist so zauberhaft, ihnen beim Erschrecken zuzusehen, das ihnen die Begegnung mit sich selbst bereitet.
Andererseits…bereitet es selbstverständlich ein großes Vergnügen, einer wirklich durchdachten Dramaturgie zu folgen, die tollen Einfälle und Spiellösungen zu bestaunen – um ein echtes komisches Talent nicht um seine Anerkennung zu bringen – dem bärbeißigen Humor Julia Gräfners’ Gertrud ausgesetzt zu sein.
Wie es euch gefällt geht nicht mehr heißt offensichtlich auch, und das lässt sich als die positive Seite der Medaille wohl aller in Berlin gezeigten Produktionen ansehen, sich keine Blöße in Punkto Qualität zu geben. Auch hierin haben die Jugendlichen von den Profis gelernt, denn wie es auf dem Stadttheater kein wirklich schlechtes, versoffenes Theater mehr gibt, so gibt es immer mehr Jugendtheaterproduktionen, die professionellen Ansprüchen genügen.
Von Christian Gedschold
Alle Fotos sind von Andrea Grosz andgrosz@aol.com - vielen Dank!
Topics: Allgemein, Amateurtheater, Festivals, Jugendtheater, Schule macht Theater |
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